“Gemeinsames Leben”

Burak Özüak empfiehlt:
“Gemeinsames Leben” - von Dietrich Bonhoeffer

(Buchempfehlung in Briefform)

Sehr geehrter Bruder Christian,

ich möchte dir nun folgendes Buch ans Herz legen. Es geht um Dietrich Bonhoeffers „Gemeinsames Leben“1. Darin geht es in erster Linie, wie es der Titel schon sagt, um das gemeinsame Leben in einer christlichen Lebensgemeinschaft; aber auch um eine „Beschreibung und Begründung einer spirituellen Praxis, die nicht die Auslöschung des eigenen Ichs zum Ziel hat, sondern vielmehr ‚den einzelnen frei, stark und mündig’ machen und zu christlich verantwortetem Handeln im Alltag befähigen will.“2

Es ist bemerkenswert, wann und unter welchen Umständen „Gemeinsames Leben“ entstand und erschienen ist. Bonhoeffer schrieb die ca. hundert Seiten in einem Zuge nieder; das ganze im Jahre 1938 während eines Ferienaufenthaltes bei seiner Zwillingsschwester.

Das erste Kapitel beginnt mit dem Thema „Gemeinschaft“. Bonhoeffer sagt: „Wer seinen Traum von einer christlichen Gemeinschaft mehr liebt als die christliche Gemeinschaft selbst, der wird zum Zerstörer jeder christlichen Gemeinschaft, und ob er es persönlich noch so ehrlich, noch so ernsthaft und hingebend meinte.“ (24)

Ich habe das so verstanden, dass eine christliche Gemeinschaft nicht nur Geborgenheit, sondern auch das Gefühl des Fremdseins vermitteln sollte. Wenn wir in einer Gemeinschaft sagen: Ja, wir sind zusammen und helfen einander, so müssen wir auch darauf hinweisen, dass unser letztes Ziel jenseits unserer Zusammengehörigkeit liegt. Ich möchte jeden einzelnen ermutigen, Kritik zu üben, an denen, die die christliche Gemeinschaft zu einem Zufluchtsort oder zu einer heimischen Clique machen.

Christliche Gemeinschaft ist eine Berufung durch Gott und kein menschliches Bemühen.

Gerade dadurch, dass wir viele persönliche Unterschiede haben, können wir für Gott Zeugnis ablegen. Da geschieht es auch, dass uns die Augen aufgehen für die Not des Nächsten und wir beginnen, einander die Wunden zu verbinden.

Ich sehe die christliche Gemeinschaft für mich als eine dankbare Pilgerreise, eine Reise, in der ich nicht jedem gefallen muss, sondern meine Identität als ein freies Selbst in Anspruch nehmen kann.

Kommen wir zum zweiten Kapitel, das sich nennt: “Der gemeinsame Tag“. Ich zitiere: “Unser Heil ist ‚außerhalb unser selbst’ [...], nicht in meiner Lebensgeschichte, sondern allein in der Geschichte Jesu Christi finde ich es.“ (47) Bonhoeffer will damit sagen, dass sich Gottes Hilfe und Gegenwart nicht in unserem Leben erst erweisen muss, sondern dass sie bereits im Leben Jesu erwiesen worden ist. Ehe wir fragen, was Gott mit unserem Leben vorhat, sollten wir uns im Klaren sein, was Gott an seinem Sohne Jesus Christus getan hat.

Was unsere Not und Schuld betrifft, das ist ja noch gar nicht Wirklichkeit, sondern dort in der Schrift ist unser Leben, unsere Not und Schuld, ja sogar unsere Errettung. Nur aus der heiligen Schrift lernen wir unsere eigene Geschichte kennen.

Nicht unser Herz entscheidet über unseren Weg, sondern Gottes Wort. Deshalb ist es wichtig, in der Gemeinschaft selbstständig zu lernen, mit der Schrift umzugehen, denn wie sonst sollten wir einem christlichen Bruder in seiner Not und Anfechtung zurecht helfen, wenn nicht anhand des Wortes Gottes?

Im dritten Kapitel geht es um den einsamen Tag, den Bonhoeffer hier zur Geltung bringen will. Das folgende Zitat traf mich mitten in das Herz „Allein standest du vor Gott, als er dich rief, allein musstest du dein Kreuz aufnehmen, musstest du kämpfen und beten, und allein wirst du sterben und Gott Rechenschaft geben.“ (65)

Erinnerst du dich noch an die Zeit, wo ich plötzlich allein vor Gott stand, wo mir Menschen nicht das geben konnten, wonach mein Herz verlangte? Ja, ich habe mich der Außenwelt verschlossen. Wochen, Monate - und jetzt im Nachhinein ist mir klar geworden: Nur so konnte ich durch meinen eigenen Schmerz und durch mein eigenes Herz das Herz Gottes betreten.

Wenn Jesus dich einlädt, das Kreuz auf dich zu nehmen, dann heißt das unter anderem, dass er dich ermutigen will, dein eigenes Leiden zu umarmen und darauf zu vertrauen, dass darin ein hilfreicher Weg liegt. Damit meine ich: Je mehr wir uns dafür öffnen, um geheilt zu werden, umso deutlicher sehen wir, wie tief unsere Wunden sind. Und wenn wir es schaffen, uns mit den Wunden zu befreunden, die wir bisher erfahren haben, öffnen wir gemeinsam mit Jesus Christus Türen, und die Schmerzen verlieren ihre Macht, Schaden anzurichten.

Das Kreuz auf dich nehmen bedeutet auch, dich mit deinen Wunden, die du bisher erfahren hast, zu befreunden und dir von ihnen deine eigene Wahrheit ohne Maske zeigen zu lassen. Hast du nun einmal dieses Kreuz auf dich genommen, siehst du plötzlich die Kreuze, die ein jeder von uns hier in der Gemeinschaft tragen muss. Aber du wirst dann in der Lage sein, ihnen Wege zu Freude, Frieden und Freiheit zu zeigen.

„Allein wirst du sterben und Gott Rechenschaft geben.“ (65) Dieser Satz löste in mir eine Angst aus; die große Angst davor, allein zu sterben. Vielleicht aber ist der Tod, vor dem wir uns fürchten, nicht einfach so der Tod am Ende unseres Lebens. Vielleicht werden wir dem Tod am Ende unseres Lebens gar nicht so angstvoll ins Auge sehen. Der Tod bedeutet ja, von Gott getrennt zu sein. Sind wir denn nicht schon bereits gestorben, als wir den Übergang von der Zeit in die Ewigkeit erfolgen ließen? Sind wir denn nicht schon bereits gestorben als wir von der Dunkelheit ans Licht geführt wurden? Sobald in dieser Welt, in der wir atmen, unser Herz aufhört zu schlagen, bedeutet unser Sterben ein Eingehen ins Leben jenseits des Lebens.

Das vierte Kapitel „Der Dienst“  möchte ich dir anhand des folgenden Zitats erläutern:

„Wir wissen ja, es ist nicht unsere menschliche Liebe, mit der wir dem anderen unsere Treue halten, sondern es ist Gottes Liebe“ (S. 90).

Wenn Menschen uns ihre Grenzen zeigen, dürfen wir uns nicht zurückgesetzt fühlen. Wir müssen uns damit abfinden, dass andere nicht in der Lage sind, das für uns zu tun, was wir von ihnen erwarten, wie z. B. bedingungslose Liebe, uneingeschränkte Sorge, uneingeschränktes Geben.

Wenn du deiner Liebe keine Grenzen setzen kannst, wirst du bald merken, dass du nicht mehr geben kannst, dass du ausgenutzt und manipuliert wirst. Ein Teil unseres Kampfes ist es, unserer eigenen Liebe Grenzen zu setzen, weil nur, wenn wir dazu fähig sind, uns selbst Grenzen zu setzen, werden wir auch imstande sein, die Grenzen des anderen zu respektieren.

„Das große Paradox der Liebe liegt darin“3 , wenn du anfängst, dich als Gottes geliebtes Kind zu sehen. Du schraubst automatisch deine Ansprüche runter und beginnst, in aller Freiheit, „gratis und umsonst zu geben“4. Eines Tages wirst du die Freiheit besitzen, Liebe bedingungslos zu geben, eine Liebe, die nicht danach fragt, ob sie irgendetwas zurückerhält, weil diese Liebe eine Beständigkeit besitzt, die du als Gottes Geschenk empfangen hast.

Lieber Bruder, lass uns nun gemeinsam mit Bonhoeffer zu dem letzten, fünften Kapitel kommen: „Beichte und Abendmahl“.

Bonhoeffer sagt: „Der Tag des Abendmahls ist für die christliche Gemeinschaft ein Freudentag. Im Herzen versöhnt mit Gott und den Brüdern empfängt die Gemeinde die Gabe des Leibes und Blutes Jesu Christi und in ihr Vergebung, neues Leben und Seligkeit.“ (102)

Mag ja richtig sein, was Bonhoeffer da sagt, aber ich fühle bei weitem nicht immer so.

Während der heiligen Abendmahlfeier schießen mir einige krasse Gedanken durch den Kopf wie z. B.: Bin ich auch wirklich mit allen versöhnt? Ich frage mich: Wieso such ich mir dann einen Platz neben einem Bruder, der mir sympathisch ist und von dem ich gerne Vergebung empfange; wieso nicht ein anderer?

Dann gedenke ich an die vielen Menschen, die Mangel an Nahrung, und an die unzähligen, die Mangel an Liebe leiden. Während es mir gut geht, und ich die Liebe von Brüdern genieße, sehe ich die leiblichen und seelischen Nöte vieler meiner Mitmenschen vor Augen. Ich frage mich: Sollte eigentlich mein Glaube nicht über den engen Kreis meiner Brüder hinaus den größeren Kreis der ganzen Menschheit erreichen?

Wenn ich Jesus im heiligen Abendmahl erkennen kann, so muss ich ihn doch auch in den Menschen erkennen können, die Not und Elend leiden. Wenn ich meinen Glauben an Brot und Wein als Gegenwart Jesu nicht in Taten der Liebe für die Welt umsetzen kann, dann bleib ich ein Ungläubiger.

Ich hoffe, lieber Bruder, dass wir bald gemeinsam das heilige Abendmahl zu uns nehmen können, auf dass wir gemeinsam bitten können: Herr, festige unseren Glauben an deine Gegenwart in der Abendmahlsfeier, hilf uns „Mittel und Wege zu finden, damit dieser Glaube im Leben vieler Menschen Frucht“5 bringen möge.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Sei gesegnet, lieber Bruder

Mit herzlichen Grüßen

Ein Türkischer Christ,
im Auftrag Gottes zu verkündigen die Frohe Botschaft



Fußnoten:

1 Erschienen im Gütersloher Verlagshaus, näheres s. Quellenangabe.
2 BDG Text auf Rückseite. Im Folgenden sind die entsprechenden Seitenzahlen in Klammern angegeben.
3 In Anlehnung an bzw. als Zitat aus: Nouwen, Innere Stimme S. 26.
4 Genauso wie bei vorhergehender Fußnote.
5 Abschnitt frei nach und Zitat aus: Nouwen, Auf der Suche … S. 175


Quellenangabe:

- Bonhoeffer, Dietrich (BDG): „Gemeinsames Leben“. Gütersloh 262001. Erschienen im Gütersloher Verlagshaus.

- Nouwen, Henri J. M.: „Auf der Suche nach dem Leben – Ausgewählte Texte mit einer Einführung von Robert A. Jonas“. Freiburg im Breisgau 2001.

- Nouwen, Henri J. M.: “Die innere Stimme der Liebe – Aus der Tiefe der Angst zu neuem Vertrauen“. Freiburg im Breisgau 82002.
 

Fußung

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