Wohlstandsevangelium und Kreuz
 - Fragmichwas mit Reiner Kalmbach aus Río Negro

Reiner Kalmbach, Pfarrer in Río Negro, Argentinien.


 

(Fragmichwas von Eins 2005)

Hallo Reiner. Du hast in der Evangelischen Missionsschule in Unterweissach, einem Seminar für Theologie, Jugend- und Gemeindepädagogik, von 1986 bis 1990 eine Ausbildung gemacht und arbeitest jetzt als Pfarrer in Río Negro.

Wo liegt Río Negro – und was hat dich dorthin verschlagen?

Die argentinische Provinz Río Negro liegt ganz im Süden Argentiniens. Unsere ersten sechs Jahre im Land verbrachten wir in der Provinz Misiones unter sehr armen Tabakpflanzern. Anfang 1997 schickte uns die Kirchenleitung in den äußersten Süden, nach Río Negro.

Hierzulande erstrecken sich die Kirchengemeinden über ein überschaubares Gebiet …

Unser Kirchenbezirk erstreckt sich über ein Gebiet von der Größe der alten Bundesrepublik. Eine meiner Predigtstellen ist 540 km von mir entfernt.

In welchen Bereichen liegen deine Hauptaufgaben und Schwerpunkte?

Beispielsweise in der Leitung eines Gemeindewachstumsprojektes. Unserer Kirche, traditionell eine Einwandererkirche, fällt die missionarische Ausrichtung schwer. Hier hilft mir die Ausbildung in Unterweissach: Wir sind eine der wenigen Gemeinden, die missionarisch tätig ist.

Die politische und soziale Situation in Argentinien?

Das Land erholt sich ganz langsam von seiner wirtschaftlichen Krise und vom Kollaps Ende 2001. Der derzeitige Präsident Kirchner sagt: Zuerst das Volk und seine Zukunft - dann die Tilgung der Auslandsschulden. Wir als Gemeinde versuchen, mit unseren bescheidenen Möglichkeiten denen zu helfen, die in der Krise Argentiniens unter die Räder kamen

Wie steht deine Familie zu deiner Berufung?

Für Tamara und Jonas ist Argentinien die Heimat. Ruben ist hin- und hergerissen. 40 Prozent meiner Arbeitszeit bin ich unterwegs, da hat meine Frau Dorothea es oft schwer. Nach 14 Jahren im Land beginnen wir ganz langsam, Wurzeln zu schlagen.

Südamerika: Freude und Sorge?

Südamerika ist ein Kontinent extremer Gegensätze: Du erlebst die Verachtung des Lebens, Verbrechen die nicht geahndet werden, … und dann: Menschen die für eine gerechtere Welt ihr eigenes Leben riskieren. Und: Offenheit für den Glauben.

Du hast mal von deiner enormen Arbeitsbelastung geschrieben …

Eine ganz normale Gemeinde wäre ja ruhiger. Aber ich bin kein Gemeindeverwalter. Wenn ich nicht etwas aufbauen kann, fühle ich mich nicht wohl in meiner Haut. Natürlich wird man mit der Zeit routinierter …

Verstehst du dich eher als Sozialarbeiter oder eher als Missionar?

Man kann die sichtbare Seite des Evangeliums nicht von der Verkündigung trennen. Das gepredigte Wort muss auf den Straßen gelebt werden.

Dir liegen zwei Themen am Herzen. Das „Wohlstandsevangelium“ …

Ja, das Thema liegt mir am Herzen: Wir gehören zu den so genannten historischen Kirchen des Protestantismus, die das Kreuz als Wirklichkeit ansehen. Die so genannten neuen protestantischen Kirchen, zumeist aus den USA beeinflusste charismatische und pfingstlerische Gruppen, predigen den einfachen Weg: „Glaub an Jesus, dann steht dir die Welt offen. Es gibt keine Grauzonen mehr. Alles ist einfach.”

”Am Kreuz kommt keiner vorbei.“ Das war das zweite Stichwort.

Wir können das Kreuz verleugnen oder es annehmen. „Nehmt euer Kreuz auf euch!“, sagt unser Herr. Das Kreuz ist für viele Menschen hier eine Wirklichkeit. Ich kann es nicht wegpredigen, aber ich kann die Menschen begleiten, mein eigenes Kreuz tragen (und andere bitten mir dabei zu helfen).

Was hat es mit der hier abgebildeten Skulptur vom Kreuz auf sich?

Es ist die Arbeit eines Guaranie. Die Guaranie, früher ein Volk von Baumeistern und Künstlern, leben heute im Elend, ihrer Vergangenheit beraubt. Der Künstler sieht die Resignation als etwas Endgültiges. Die Skulptur sagt mir: Du darfst dich nie mit diesem Kreuz abfinden: Verkündige denen die Zukunft, die keine mehr haben!

Was können wir in Deutschland von den Christen in Argentinien lernen?

Improvisation. Der Argentinier ist ein (Über-)Lebenskünstler. - Von unserer Kirche: Wir sind wie ein kleiner Kaktus in der Wüste. Er widersteht dem Wind und der Hitze. Manchmal schickt Gott einen Regen, und dann beginnt der Kaktus zu blühen und wird zur schönsten Blume weit und breit!

Danke für deine Einblicke :-).

P.S.: Konkrete Anliegen zum Beten?

Staatliches Schuldenproblem. Missionarische Kirche. Das Mit-Leiden mit den Menschen geht manchmal über meine Kräfte. Unsere Familie.


Weitere Infos: Jugendwerk Blaubeuren, info@24-stunden-kick.de; Freundesbrief „Río Negro“ (Pfr. Thomas Ranz).

Das Interview führte:
Karsten Spilling (Ideesamkeit)

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