“Das werden deine
drei schlimmsten Wochen!”
Berlin Kreuzberg: zwischen zwei Welten
 

“von unserem
Berliner Berichterstatter”
Burak Özüak

Flughafen Stuttgart, Terminal 2. Es sind noch wenige Stunden bis zu meinem Praktikum in Berlin.


Flughafen Stuttgart, Terminal 2. Es sind noch wenige Stunden bis zu meinem Praktikum in Berlin. Ich sitze in der Flughafenkapelle, die erst vor einigen Wochen neu eröffnet wurde.

So langsam verspüre ich Angst. Ich höre all die Stimmen, die mir im Vorfeld zuriefen: „Glaubst du nicht, die ganze Geschichte ist ein paar Nummern zu groß für dich?“ oder „Pass auf, dass du als bekennender Christ nicht abgestochen wirst!“

Ich denke darüber nach, ob es nicht meine Überheblichkeit gewesen ist, die mich dazu hinriss, mein Praktikum in Berlin an einem sozialen Brennpunkt, unter überwiegend muslimischen Kindern und Jugendlichen zu absolvieren! Im Vorfeld war ich überzeugt davon, dass ich dem Ruf Gottes gefolgt bin. So möchte ich einige Episoden über die sozial-missionarische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen zwischen „zwei Welten“ berichten.

Ich hoffe, dass die folgenden Zeilen eine leise Ahnung davon geben, in welche Richtung man schauen sollte, wenn man sich Gedanken über missionarisches Wirken unter muslimischen Jugendlichen macht, die mitten in Deutschland zwischen „Parallelwelten“ bestehen müssen. Darüber hinaus wollte ich prüfen, wo Möglichkeiten aber auch Begrenzungen für missionarisches Verkündigen bestehen.

Diese Gedanken bewegten mich, als ich anfing meine entscheidenden Eindrücke über die Arbeit unter diesen Kindern und Jugendlichen aufzuschreiben. Zum einen, weil ich dieselben ethnischen und kulturellen Wurzeln in mir trage und zum anderen versuchte ich sorgfältig herauszufinden, welche Herausforderungen einem hauptamtlichen Diener des Wortes Gottes bevorstehen, wenn er seine Berufung unter diesen Menschen antritt.
 

Berlin-Kreuzberg, Mittenwalderstrasse 15. Jugendclub M. Double U.15

 

Berlin-Kreuzberg, Mittenwalderstrasse 15. Jugendclub M. Double U.15


Der Jugendclub M. Double U.15, ist eines der Projekte von Starthilfe ´85 e.V. In den gut ausgestatteten, keller- ähnlichen Räumen findet sozialintegrative Gruppenarbeit für Jungen zwischen 11-16 Jahren statt. Es ist in dem Sinne keine offene, aber dafür eine offensive Jugendarbeit. Die „Kids“ werden je nach Alter und Wochentagen in Gruppen aufgeteilt.

Einer der Jugendlichen begrüßt mich mit den Worten: „Das werden deine drei schlimmsten Wochen!“ Schmunzelnd erwidere ich: „Abwarten!“


 

 


In dem Kreuzberger Kiez leben, losgelöst von der deutschen Gesellschaft, Muslime in einer ganz eigenen Welt, mit eigener Infrastruktur, eigener Sprache und eigenen Gesetzen. Diese Welten sind für Deutsche zwar begehbar, doch ein Eintauchen in diese Welt ist unmöglich. Ein Blick hinter die Kulissen bleibt Außenstehenden verwehrt.

Um die Zossener- und Fürbringerstraße herum gibt es für die zahlreichen Kinder und Jugendlichen wenig Freiflächen, Spielplätze und Treffpunkte. 1999 lag die Arbeitslosenquote in Kreuzberg bei 29,1% und die Einwohnerzahl bei knapp 150.000 wobei 40 Prozent davon Nichtdeutsche sind.
 

 

 

 

Bilder-Buch-Laden, Lichtblick, Velofit-Laden und M. Double U. 15 Club

 

Bilder-Buch-Laden, Lichtblick, Velofit-Laden und M. Double U. 15 Club


Bilder-Buch-Laden, Lichtblick, Velofit-Laden und M. Double U. 15 Club sind vier benachbarte Läden im Kreuzberger Kiez, in denen die Starthilfe ´85 e.V. Kindern und Jugendlichen aber auch Müttern Treffpunkte, Freizeit- und Lernmöglichkeiten anbietet. Diese Möglichkeiten werden seit 1984 besonders gern von ´Kids` aus türkischen und arabischen Familien genutzt. Sie wollen etwas erleben, den Mitarbeitern begegnen, sich ausprobieren oder Hilfe in Anspruch nehmen. Letztlich suchen sie auch Orientierung, verlässliche Vorbilder und Beispiele glaubwürdigen Lebens.

Hier wird besonders sichtbar, dass sie Kinder zweier Welten sind,denn diese muslimischen Jugendlichen sind zerrissen zwischen einer religiös- patriarchalischen Welt zu Hause und westlicher Lebensweise außerhalb ihrer vier Wände.

Die Motivation der „Starthelfer“: „Wie Gott uns durch Jesus Christus begegnet ist, so möchten wir den Kindern und Jugendlichen begegnen“.

Als Christen aus verschiedenen Gemeinden Berlins arbeiten sie bei Starthilfe zum Teil haupt-, meist aber ehrenamtlich mit.

 Leitlinien und Orientierung für ein sinnvolles Leben vermitteln, aber auch Hilfestellung für die verschiedenen Lebenssituationen geben, sei es in der Schule, in der Ausbildung oder in Beziehungen, gehören zu den Zielen der „Starthelfer“.

 

 


Ob ein Kind in der Schule erfolgreich ist, hängt in Berlin vor allem davon ab, aus welchem sozialen Milieu es kommt und in welchem Stadtteil die Schule liegt. In einer gutbürgerlichen Schule, in der die Eltern Arbeit und eine gute Bildung haben und nur fünf Prozent der Kinder aus Migrantenfamilien stammen, erreichten 59 Prozent der Kinder beim Lesen das höchste Niveau. In der Schule, in der 70 Prozent der Kinder aus Migrantenfamilien (Kreuzberg, Neukölln, Wedding) stammen, von denen viele Eltern arbeitslos sind und schlecht Deutsch sprechen, erreichten lediglich zwei Prozent das höchste Niveau.

Die „Kids“ sollen auch zum Mitdenken und zur Mitverantwortung ermuntert werden, sodass das Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten gestärkt und somit die Konsequenzen eigenen Handelns erlebt werden können. Ein wichtiges Anliegen besteht darin, Akzente zu setzen gegen Misstrauen, Angst, Resignation oder Aggression. Letzteres entsteht aus dem Gemisch von Frust, Gewalterfahrungen in den Familien und Zukunftsangst. Wenn man in Kreuzberg geboren und aufgewachsen ist, dann stellt sich für die meisten der Jugendlichen die Frage, was denn der schnellste Weg sei, um an Geld zu gelangen. Von Zuhause können sie nicht viel erwarten, da die meisten Familien bereits am Existenzminimum leben und die Väter arbeitslos sind und die Mütter so gut wie kein Wort Deutsch sprechen. Somit bieten die Umstände in Kreuzberg einen vorhersehbaren Weg für kriminelle Karrieren mit entsprechenden  Knastaufenthalten. Einige Kids aus dem Club haben bis zu ihrem 14. Lebensjahr ein Strafregister vorzuweisen, das so dick ist wie die Predigtordner mancher Evangelisten. Man könnte denken, sie seien ausgebildete Schwerverbrecher. Im Oktober 2003 gab es in Berlin rund 200 Dreizehnjährige, auf deren Konto mindestens ein Raub oder eine gefährliche Körperverletzung sowie eine andere Straftat gegangen sind!
 

Möglichkeiten und Begrenzungen missionarischen Verkündigens

 

Möglichkeiten und Begrenzungen missionarischen Verkündigens


Ein Großteil der jugendlichen Serientäter lebt in den Problemkiezen von Kreuzberg, Neukölln und Wedding. Etwa 80 Prozent der Täter sind nichtdeutscher Herkunft, ihre Eltern stammen vor allem aus der Türkei, dem Libanon oder dem ehemaligen Ostblock. Ein Teil ihrer Arbeit verbringt die Projektleiterin Sigrid Wille auch damit, manche ihrer Jungs in Gefängnissen zu besuchen, um das Geschehene zu reflektieren und seelsorgerlichen Dienst zu leisten. Hier ergeben sich mitunter die besten Möglichkeiten, missionarisch zu verkündigen.

Missionarisch verkündigen bedeutet hier, nicht zuerst über Gott, sondern über menschliche Probleme zu sprechen, d.h. missionarisch existenziell zu sein.  Für einen Hauptamtlichen, der unter diesen Kids seinen Dienst verrichtet, stellt sich schnell die Frage, warum er überhaupt Jesus verkündigen soll, für den sich die Kids im Grunde genommen gar nicht interessieren! Aber diese Fragestellung wäre falsch, man sollte sich eher fragen: „Liebe ich Jesus?“ Wenn die Antwort „ja“ ist, dann kann man nur schwer leugnen, was Jesus in unseren Herzen bewirkt hat. Da kann man nicht anders als missionarisch und versöhnend zu wirken, um neues Leben und frische Hoffnung zu verbreiten. Das bedeutet aber nicht, dass man bei jeder Begegnung den Kids die Tür einrennt und herausposaunt „Gott liebt dich!“

Bevor ich sagen kann, dass Jesus uns liebt und für unsere Sünden gestorben ist, sollte ich es geschafft haben, die Jugendlichen von der Straße zu holen, sie also von den Freunden und dem Kiez für längere Zeit zu trennen.

Erst dann kann ich konsequent, konkret verkünden und zeigen, dass Gott Liebe ist, reine Liebe und das dort, wo Angst oder Hoffnungslosigkeit herrscht.

 

 


Darüber hinaus sollte ich in der Lage sein, grundsätzliche Fragen wie z.B.: „Wer ist Gott?“, „Wer bin ich?“, „Warum gibt es mich?“, „Was ist der Sinn meines Lebens?“ zu beantworten.

Wenn ich nicht helfen kann, auf diese Fragen konkrete Antworten zu finden, bleiben die wunderschönen Betrachtungen über das Geliebtsein eine Art Traumgespinst für diese Kids.  Ich brauche mich dann nicht wundern, dass solche Fragen wie „Warum soll ich noch Jesus verkündigen?“ in meinem Inneren auftauchen. Einmal hatte ich im Einzelgespräch die Möglichkeit, die frohe Botschaft zu verkündigen. Einer der jungen Männer fragte mich was ich denn nun sei, Moslem oder Christ? Ich verstand sofort, dass dies eine provozierende Frage war und ich fragte ihn zurück, wie er das Wort „Moslem“ übersetzen würde. Die Antwort, die ich bekam erinnerte mich an die meisten frommen Antworten die man von christlichen Jugendlichen auch bekommt wenn man sie fragt: „Warum glaubst du an Jesus?“

Ich erklärte: „Das Wort Moslem bedeutet: Gottesfürchtiger oder Mensch, der Gott gehorcht. Ein Moslem ist also ein Mensch, der sich vor Gott und den Menschen demütigt.

Ich möchte unbedingt zu den Menschen gehören, die demütig und gehorsam sind, und ich glaube, dass Jesus in meinem Herzen lebt. Das ist meine Antwort auf deine Frage“ sagte ich.

Ich habe gelernt, dass ich gerade in Beziehungen zum Islam Respekt nur dann bei einem (gläubigen) Muslim finde, wenn ich meinen eigenen Glauben ernst nehme, wenn ich weiß, wer ich bin, und dieses Wissen über Gott und mich deutlich vertrete. Es geht nicht um Mitgliedergewinnung im Reich Gottes, nicht um Rechthaberei, es geht um neues Leben.

 

Herausforderungen,
die einem Hauptamtlichen begegnen

 

Herausforderungen,
die einem Hauptamtlichen begegnen


Nachdem mich dieses Thema innerlich ziemlich umgetrieben hatte, stellte ich mir die Frage: „Welche Herausforderungen erwarten einen Hauptamtlichen, und inwiefern sind sie von Bedeutung für das, was ich von der Zukunft erwarte?“

Dazu muss ich sagen, dass ich mich hierbei von wenig grauer Theorie, aber umso mehr von meinem inneren Empfinden habe leiten lassen. Denn ich bin dort zwar nicht allen, aber einigen Herausforderungen begegnet, mit denen Hauptamtliche als Diener des Wortes Gottes in den kommenden Jahren voraussichtlich konfrontiert werden. Als ich in diesem Club ankam und einige Tage hinter mir hatte, machte ich eine ganz neue Erfahrung:

Keinen dieser jungen Männer interessierte es woher ich kam oder was es mit meiner Lebensgeschichte auf sich hatte. Folglich war ich der Möglichkeit beraubt, als Missionsschüler Eindruck auf sie zu machen. Meine Rollenspiele, mit denen ich bisher in Gemeinden und christlichen Kreisen Eindruck gemacht hatte - als jemand der etwas kann, der anderen etwas vormachen, der andere überzeugen, der etwas darstellen kann - waren wie weggewischt. Die Kids juckt es nicht, ob du vier Jahre Theologie, Psychologie usw. studiert, oder hier und da mal gepredigt hast, ich stand als völlig bloßer Mensch da. Als Mensch der verwundbar ist, der Liebe empfängt und Liebe schenkt, unabhängig von jeder Leistung.

 Worauf ich mich berufen konnte waren meine eigenen Erfahrungen, die ich in meiner Jugend sammelte, so dass ich mich mit diesen Jungs identifizieren konnte. Somit hatte ich zunächst mal nichts anderes im Gepäck, als meine Verwundbarkeit und Ungeschütztheit, dafür wie mir im Nachhinein klar wurde, den Ruf Gottes im Herzen und den Segen über meinem Haupte.

 

 


Genau dies ermöglichte es mir, tiefe Solidarität mit diesen Kids zu empfinden, die hinter ihrem „Gangsta“ Dasein voller Ängste sind. Es genügt hier für Hauptamtliche nicht, moralisch einwandfreie Menschen zu sein, eine gute Ausbildung an einer theologischen Ausbildungsstätte hinter sich gebracht zu haben und vom guten Willen beseelt zu sein, diesen Kids helfen zu wollen. All das ist äußert wertvoll und wichtig, aber das macht nicht den innersten Kern dieser Arbeit aus. Denn mir ist jedenfalls immer wieder neu aufgegangen, wie schwer es für mich ist, Jesus wirklich treu zu bleiben, wenn ich hier alleine bin. Ich brauche meine Brüder und Schwestern, um im geistlichen Leben beharrlich zu sein, die mich immer wieder daran erinnern, dass nicht ich es bin, der heilt, nicht ich es bin, der Worte der Wahrheit spricht, nicht ich es bin, der es schafft, diese Kids auf die richtige Bahn zu lenken.

Eine weitere Erfahrung war, dass jeder Augenblick eine neue Überraschung bringen konnte. Oft eine Überraschung, auf die man nicht im Mindesten vorbereitet ist. Jeden Augenblick konnte es zu einer Schlägerei kommen, weil diese Kids es nicht kennen, augenblickliche Gefühle und Gemütszustände mit schönen Worten und überzeugenden Argumenten unter den Teppich zu kehren. Menschen, die wenig intellektuelles Vermögen haben, lassen unmittelbar ihr Herz - ihr zorniges Herz, ihr liebendes Herz, ihr sehnsuchtvolles Herz - sprechen, und sie denken nicht im Geringsten darüber nach, was sie da tun. So kam es auch vor, dass man sich hat mit anhören müssen, wie Lehrer in der Schule geschlagen wurden. Hier ist die schwierige Aufgabe eines Hauptamtlichen, ein Gespür dafür zu entwickeln und zu erkennen, dass dies die einmaligen Gelegenheiten sind diese schmerzlichen Realitäten des Alltagslebens dieser Jugendlichen mit der Gesinnung Jesu zu bedenken und somit das Bewusstsein dieser Kids dahin zu bringen, wie Gott sie behutsam führt. Hier kommt es nun zugute, dass man, wenn man ausgebildet ist durch Gebet, ein Studium und sorgfältiges Analysieren, die scheinbar rein zufälligen Dinge, die den Kids passieren, durchschauen und darin das geheimnisvolle Heil schaffende Wirken Gottes erkennen und dieses dann den Kids offenbaren kann.

 

Der Jugendclub M. Double U.15 in Berlin Kreuzberg

Viel zu schnell vorbei:
drei zukunftsweisende Wochen

 

Viel zu schnell vorbei:
drei zukunftsweisende Wochen


Letztlich waren die drei Wochen viel zu kurz und viel zu schnell vorbei, um noch tiefer in die ganze Sache einzutauchen. Es waren keineswegs die drei schlimmsten Wochen, wie mir vorhergesagt wurde, aber das hatte in erster Linie damit zu tun, dass ich Türke bin.

Es waren drei zukunftsweisende Wochen, die mir sehr geholfen und meinen Horizont erweitert haben. Ich schließe mit dem Bild eines zukünftigen Hauptamtlichen ab, der betet, der verwundbar ist und der ein grenzenloses Vertrauen hat. Mein tiefer Dank geht an all die beteiligten Menschen, die mir dieses Praktikum ermöglicht haben. Den „Starthelfern“ gebührt meine volle Hochachtung, für ihre hingebungsvolle Arbeit unter diesen Kindern und Jugendlichen. Ich bete und hoffe, dass Gott weiterhin seine schützende Hand und sein Angesicht über diese Arbeit leuchten lasse.

Burak Özüak

(Burak Özüak ist Studierender an einem theologisch-pädagogischen Seminar, der Evangelischen Missionsschule in Unterweissach)
 

 


 

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